G8-Tagungsort mit befleckter Vergangenheit
 

Holocaust-Überlebender Teppich mahnt Merkel, Verantwortung zu zeigen

Von M. C.

 

Die Regierungschefs der sogenannten „Großen Acht“, die sich vom  6. bis 8. Juni im mecklenburgischen Heiligendamm treffen, stört es offenbar nicht, daß der durch einen zwölf Kilometer langen Sicherheitszaun abgeschirmte Tagungsort, das Kempinski Grand Hotel einen blutbefleckten Namen trägt.

 

Angela Merkel hätte es wissen können, kritisiert der alte Spanienkämpfer Fritz Teppich am Mittwoch im Berliner Literaturhaus anläßlich einer Pressekonferenz. Seit der Friedensaktivist nach Deutschland zurückgekommen war, kämpft er gegen die „Arisierung“ des Kempinski-Unternehmens, will das Unrecht immer wieder in Erinnerung zu bringen, das bis heute nicht revidiert ist. Teppich ist als Bruder von Mela Kempinski mit der Familie verwandt und appelliert an die Bundeskanzlerin, Verantwortung für den Tagungsort des Gipfels zu zeigen.

 

Er fordert die diesjährige Gastgeberin des G8-Treffens auf: "Richten Sie eine unabhängige Kommission ein". Diese soll sich nicht nur mit der Kempinski-"Arisierung" befassen, sondern auch damit, dass vielfach Juden wirtschaftlich Unrecht geschehen ist. "Bringen Sie das in Ordnung, Frau Merkel" appelliert Teppich und macht auch gleich Vorschläge, wer in dieser Kommission arbeiten könnte: Er nennt unter anderen Jean Ziegler, Professor für Soziologie an der Uni in Genf und UNO-Sonderberichterstattler für das Recht auf Nahrung. 

 

Das Unrecht an der jüdischen Kempinski-Familie wird Frau Merkel nicht in Ordnung bringen können. Das 1862 in Raschkow nahe dem heutigen Poznan gegründete Unternehmen wurde 1937 zu Gunsten des Konkurrenz-Unternehmens Aschinger „Arisiert“. Zuvor war Hans Kempinski, Neffe und Nachfolger der Gründer als Unternehmensführer in die Staaten gereist, um den Betrieb abzuwickeln, er stirbt unter mysteriösen Umständen in New York. Der Betrieb wurde Werner Steinke, der ab 1937 in der Geschäftsführung tätig war, übereignet.

 

Die Kempinski Auslands-OHG in Amsterdam behielt bewußt den jüdischen Namen und hatte auch jüdische Direktoren. In Amsterdam war es Direktor Danby, in Berlin der ehemalige Kempinski-Miteigentümer Dr. Walter Unger, den die Nazis zu diesem Zweck eigens aus dem KZ Sachsenhausen entließen. Offenbar sollten Auslandseinsätze des faschistischen Reichssicherheitshauptamtes gedeckt werden. Das Restaurant wurde zum Beobachtungsposten der deutschen Auslandsspionage.  Im Zuge der forcierten Vernichtung der europäischen Juden entließ dann Steinke Unger und Danby. Sie wurden deportiert und ermordet.  Kempinski beschäftigte auch Juden als Zwangsarbeiter, von denen eine unbekannte Zahl in den Osten deportiert und vergast wurde.  SS-Obergruppenführer und ab 1943 Chef des  Reichssicherheitshauptamts (RSHA) Ernst Kaltenbrunner hatte gemeinsam mit der Oberfinanzdirektion Berlin-Brandenburg 1944 die Namen der bisherigen Geschäftsinhaber des Stammhauses aus dem Handelsregister streichen lassen. 1952 verkauft Steinke den Betrieb an die Hotelbetriebs AG, die Aktienmehrheit in dieser Firma hat Aschinger. Das kann nur durch einen Deal zwischen Steinke und Friedrich-Wolfgang Unger, einem Verwandten von Walter Unger geschehen und unter Umgehung der Erben nach Hans Kempinski. Dies bezeichnet Fritz Teppich als zweite Arisierung. Paul Spethmann, Finanzdirektor der Aschinger AG und NSDAP-Mitglied, war schon 1937 einer der Profiteure der „Arisierung“.

 

Nein, dieses Unrecht kann nicht in Ordnung gebracht werden. Die Bundeskanzlerin könnte aber Verantwortung übernehmen. „Verantwortlich Handelnde im internationalen Rahmen sind Regierungen. In den G8-Staaten stehen diese stellvertretend für vielfältig differenzierte, pluralistische Gesellschaften. In diesen Gesellschaften bildet die Zivilgesellschaft neben dem Staat, dem Markt (der Wirtschaft) und der Familie eine weitere tragende Säule.“, dies steht auf der Website des G8-Treffens.

 

Der zornige Antifaschist Fritz Teppich, dessen Mutter ins Konzentrationslager deportiert und dessen Bruder von SS-Schergen in Berlin ermordet wurde, merkt nicht soviel von der deutschen Zivilgesellschaft. Er wird immer wieder zurückgewiesen, zuletzt vom Deutschen Bundestag am 30. November 2006. Lapidar heißt es:  „Der angesprochenen Verjährung von Ansprüchen im Westen mangels fristgerechter Antragstellung durch die Geschädigten oder deren Vertreter steht – entgegen der Annahme des Petenten Artikel 1 GG nicht entgegen.“

 

Die Würde des Menschen ist also nicht angetastet, auch nicht, obwohl am 30. November 2006 spätestens die Geschichte von Kempinski bekannt gewesen sein muß und zu diesem Zeitpunkt die Planung für das G8-Treffen schon lange in der Tüte war? Den Tränen nahe kommentiert der 88jährige Fritz Teppich einen Tagesspiegel-Slogan von 1980: „Die schöne Zeit bleibt – und meine Verwandten wurden ermordet“. Was mag er empfinden, wenn er das Bild der grinsenden Staatsoberhäupter, unter ihnen der ungarische Halbjude Sarkozy vor dem Hotel mit dem Namen Kempinski sehen muß?

 

Information unter (http://www.kempinski-ag.de/13.htm bis http://www.kempinski-ag.de/16.htm)