Die Familiendynastie gibt es nicht mehr. Aber sie hat einen Verfechter. Von Lutz Lorenz
Fritz Teppich hat in seinem Leben viele Kämpfe ausgefochten. Der 1918 geborene Journalist stammt aus einer der großen jüdisch-deutschen Wirtschaftsdynastien, den Wertheims. Seine Urgroßmutter hatte Anfang des 19. Jahrhunderts einen Teppich geheiratet. Ob beide Familien, die Wertheims wie die Teppichs, religiös gelebt haben, daran kann er sich nicht mehr erinnern, weiß aber zu berichten: „Diejenigen, die sich für Geld interessiert haben, ließen sich taufen. Die anderen blieben Juden, so wie wir.“
Als fast Neunzigjähriger ist er mit dem Kämpfen noch lange nicht fertig, auch dann nicht, wenn seine Frau nach dem zweiten Herzinfarkt immer wieder und wieder zur Ruhe mahnt. Daran will er sich aber nicht so recht halten.
Gemeinsam bewohnen beide eine große Wohnung in Berlin-Grunewald, nahe dem Bahnhof und nur einen Steinwurf von der Gedenkstätte am Gleis 17 entfernt. Von hier aus mussten von Oktober 1914 bis März 1945 Tausende Berliner Juden den Weg in die Vernichtungslager antreten. Der Gedanke daran tut ihm weh, bis heute, wenn er sich von Zeit zu Zeit noch immer vorwirft, gegen die Deportation seiner Mutter nichts habe tun können. Sie war in zweiter Ehe mit dem Kaufmann Richard Teppich verheiratet, nachdem ihr erster Mann, der Arzt Siegfried Rahmer, verstorben war. In der ersten Ehe seiner Mutter wurde Melanie geboren, genannt Mela, die später Gerhard Kempinski geheiratet hat. Das besondere Verhältnis zwischen Mela und Fritz lässt Teppich bis heute nicht zur Ruhe kommen, lässt ihn noch immer kämpfen.
Fritz Teppich ist nicht nur in großbürgerlicher Familie aufgewachsen, sondern auch in einer solchen Gegend Berlins, dem Westend. „Unser Obermieter spielte fast jeden Tag auf dem Flügel, stundenlang, so waren alle Nachbarn.“ Ebenso ist er erzogen worden, großbürgerlich, antizionistisch dazu. „Wir waren liberal und staatsnah“, der Bruder Hans schon sehr früh erst freiheitlich, dann links. Seine Lehrer waren deutschnational, nicht wenige von ihnen stark antisemitisch eingestellt. „Ich war der kleine Knoblauch-Jude, erinnert sich Teppich.
Mitte der 1920er Jahre trat er dennoch dem zionistischen Verein „Kadima“ bei, der wie ein deutscher Pfadfinderbund organisiert war. Innerhalb dieser Vereinigung trat Teppich bald dafür ein, einen linken Pfadfinderbund zu gründen. Wohl sein ganze Leben hat diese Zeit bestimmt, da er viele Jahre später seine Autobiographie mit „Der rote Pfadfinder“ betitelt.
Mechaniker am Theater will er werden. Er bricht die Lehre bei Reiche & Vogel trotz seiner Begeisterung für Bühnentechnik und Lichterwelt ab und lässt sich von seiner Mutter nach Paris schicken, ins „Hotel Regina“, wo er eine Kochlehre beginnt. Mit dem Gesellenbrief und einer Empfehlung Kempinskis in der Tasche geht er nach Belgien ins „Hotel Ardennenschloss“, ganz in der Nähe der französischen Grenze bei Dinant. „Es war ein wunderbares Haus“, erinnert sich Teppich. „Schon damals warb man damit, einen eigenen Flughafen zu haben, das war schon etwas besonderes.“
Im Juli 1936 hält die führende kommunistische Politikerin Spaniens, Dolores Ibárruri, eine Rundfunkrede, die zum Fanal wird: als Antwort auf den Franco-Putsch schallt es durch den Äther: „Es ist besser, auf den Füßen zu sterben, als auf den Knien zu leben. No parasán!“. Tausende Kommunisten aus ganz Europa folgen dem Ruf, da die bürgerlichen Regierungen der demokratisch gewählten Spaniens nicht zu Hilfe kommen. Fritz Teppich ist dabei, kämpft im links-nationalistischen „Assanja“-Bataillon bis zur Niederlage. Es verschlägt ihn nach Katalonien, den Rest des Spanischen Bürgerkrieges verbringt er als Adjutant in einem republikanischen Armeekorps.
Im Sommer 1939 kehrt er nach Belgien zurück, arbeitet in einer illegalen jüdischen Bäckerei in Brüssel. Hier muss er den Einmarsch der Deutschen erleben, flieht ins noch unbesetzte Frankreich. Die Familie in Berlin war längst nicht mehr dort. Mela und Gerhard Kempinski sind bereits nach London emigriert, die Mutter wollte ihnen folgen, tat es nicht. Das ist es, was sich Teppich bis heute vorwirft. Sie nicht ermuntert, ja gezwungen zu haben zu haben, Mela nach London zu folgen. Nur bis in die Niederlande ist sie nach der Progromnacht geflohen, weiter konnte sie nicht mehr, ihre Kraft war zu Ende. Wehrlos wird sie nach dem Einmarsch der Nazis nach Westerbork gebracht, später ohne Wiederkehr nach Theresienstadt und schließlich Ausschwitz deportiert. Auch Bruder Hans ist nicht mehr am Leben. Er wurde beim Arbeitsdienst in Berlin schlichtweg von SS-Scheren erschossen.
Am 10. Mai 1940 wird Teppich in Frankreich verhaftet. Da er sich als deutscher Kommunist nicht aus- jedoch nicht als Jude zu erkennen gibt, wird er in den Süden des Landes deportiert. Zwie Jahre später werden in der deutschen Arbeitskompanie in Lot-et-Garonne alle Juden aufgefordert, sich zur „Verlegung“ zu melden. Teppich tut es nicht. „Ich hatte mir geschworen: Nie wieder lässt du dich einsperren, hatte Flucht und Illegalität schon vorbereitet, mich gut informiert. Die Schweiz kam nicht in Frage, obwohl es nicht weit gewesen wäre. Man wusste, die Grenzen waren sehr gut bewacht und man würde nach Deutschland ausgeliefert. Also Portugal. Die Grenze zu Portugal, das wusste man, war schlecht bewacht, das waren faschistische Bruderstaaten. Ich sprach fließend Spanisch, hatte mir einen guten Anzug und Papiere besorgt, die mich als Spanier auswiesen. Aus Erfahrung wusste ich, dass man nicht als Flüchtling zu erkennen sein durfte. Also musste man ohne Koffer reisen und immer geputzte Schuhe tragen, auch wenn man gerade vorher durch einen Fluß gewatet war.“
Zu Fuß, über die Hochgebirge überquert er die Grenze, versucht in Barcelona beim britischen, später beim amerikanischen Konsulat ein Visum zu bekommen. Doch als mittelloser Deutscher muss er schon zufrieden sein, nicht vor der Vertretung verhaftet zu werden. Teppich erinnert sich eines alten Bekannten aus dem spanischen Armeekorps, einem populären Arzt aus einer angesehenen Familie. Ihm erzählt er, auf der Flucht und in höchster Not zu sein. Neben 300 Peseten gab der Mediziner ihm den Rat mit auf den Weg, wie sich Teppich bei den spanischen Behörden zu verhalten hat, um ein Visum für Portugal zu bekommen. Beide erfinden einen glaubhaften spanischen Lebenslauf. In glühender Mittagshitze spricht Teppich bei den Behörden vor, müde Beamte erteilen gelangweilt das begehrte Papier, wenig später ist Teppich auf dem Weg nach Lissabon, wo er sich bei der jüdischen Gemeinde als Jude, nicht jedoch als Kommunist, meldet. „Es war zwar nicht Amerika, aber immerhin Portugal. Hier waren wir sicher: Der Salazar-Faschismus bekämpfte nur die Kommunisten, aber nicht uns Juden.“
Doch der Jude Teppich ist auch noch immer Kommunist. Bei dem Versuch, sich in Lissabon einer Zelle der französischen Résistance anzuschließen, wird er verhaftet. Ein gutes Vierteljahr später schickt man ihn in das Fischerdorf Ericeira und stellt ihn zusammen mit seiner Lebensgefährtin Selma Oppenheimer unter Hausarrest. Bis zum Sommer 1946 wird er bleiben müssen, in völliger Ungewissheit über das Schicksal seiner Familie, weit weg vom Krieg. „Es war furchtbar, dort so sitzen zu müssen, aber immerhin: Wir waren am Leben“, resümiert er heute.
Dann erreicht ein Telegramm der Jüdischen Gemeinde Lissabon den inzwischen 27jährigen. Er bekommt die Genehmigung mit einem amerikanischen Truppentransporter zurück nach Deutschland reisen zu dürfen. Plötzlich stünde auch der Weg nach Amerika für ihn offen, aber der überzeugte Kommunist will zurück nach Deutschland, eine bessere Gesellschaft aufbauen. Selma will das Land nicht wiedersehen, ihre Wege trennen sich.
Was war inzwischen in Deutschland geschehen, was ist aus den Kempinski-Betrieben geworden? Fritz Teppich vermutet einiges, belegt vieles, recherchiert, sammelt und macht öffentlich. Seit dem Ende des Krieges beschäftigt er sich damit, ein Unrecht immer wieder in Erinnerung zu bringen, das bis heute nicht revidiert ist.
Die Kempinkis hatten 1862 eine Weinhandlung in ihrem Heimatort Raschkow bei Posen gegründet und handelten mit Ungarnweinen. Nach der Proklamation des Kaiserreiches zog Bertold Kempinski mit seiner Frau Helene nach Berlin, gründete einen Imbiss mit Weinprobierstube und eine Weinhandlung in der Friedrichstraße 176. Schnell floriert das Geschäft, es gibt gute, aber dennoch für jeden bezahlbare Küche, auch halbe Portionen werden angeboten. 1889 kann mit geborgtem Geld und einem guten Gefühl für den Geist der Zeit ein vierstöckiges Restaurant in der Leipziger Straße 25, eröffnet werden. Durch den Zukauf der Nachbargrundstücke werden 1906 Umbau und Erweiterung zu einem Luxusrestaurant möglich, in der Friedrichstraße 198 kommt ein erster Feinkostladen dazu. Um den Erfolg in der Familientradition zu sichern, holten Berthold und Helene schon 1890 ihren 14jährigen Neffen Hans vom Lande nach. Ihn schickten sie nach Bordeaux, das Weingeschäft von der Pike auf zu erlernen. Zehn Jahre blieb er dort, kam nicht nur verheiratet, sondern vor allem als das zurück, was man heute einen modernen Managertyp nennen würde.
Das Unternehmen wuchs auf gut 800 Mitarbeiter an. Viele Kempinski-Restaurants waren entstanden, so am noben Kurfürstendamm 27, Ecke Fasanenstraße, das „Haus Vaterland“ mit dem neuen Konzept kleiner Restaurants, Bierstuben, Casinos und zehn thematisch gegliederten Sälen für erlebnisorientierte Massengastronomie unter einem Dach wurde betrieben, eine Filiale war in Amsterdam gegründet worden, eine weitere in New York. Der Wein-, Lebensmittel- und Delikatessenhandel war ausgebaut worden, firmeneigene Weingüter und Kellereien an Rhein und Mosel gehörten zum Unternehmen.
Doch das Amerika-Geschäft läuft nicht, die Filiale muss wieder geschlossen werden. Als Hans Kempinski in die Staaten reist, um den Betrieb abzuwickeln, stirbt in New York. Für Fritz Teppich sind mysteriöse, ungeklärte Umstände unter denen er zu Tode kommt. Teppich vermutet, dass „einflussreiche Kreise“ die Rückkehr des Senior-Chefs nach Deutschland verhindern und so die Restaurants endgültig führungslos machen wollten. Gerhard und Mela Kempinsky, Teppichs Schwester, waren bereits geflohen, so stand einer „Arisierung“ der Kempinski-Betriebe nichts mehr im Wege, die 1937 zu Gunsten des Konkurrenz-Unternehmens Aschinger auch erfolgte. Ein Stern, dem Davidstern nicht unähnlich, war schon ein Jahr zuvor aus dem Firmenlogo gestrichen und durch eine Weinrebe, die so genannte „Hitlertraube“, ersetzt worden. Bis 1995 wurde das Logo dergestalt beibehalten.
Die Kempinski-Niederlassung in Amsterdam wurde bewusst als jüdisches Unternehmen weitergeführt, hatte sogar einen jüdischen Restaurantleiter. Es galt, Emigranten anzulocken, die nicht wissen konnten, dass das Restaurant inzwischen zu einem Beobachtungsposten der deutschen Auslandsabwehr geworden war. Gerne hätte Wilhelm Canaris, Leiter des Amtes Ausland/Abwehr, aus dem Gastroniebetrieb ein Luxushotel gemacht, um die Möglichkeiten des Abhörens zu erweitern. Darin war sich mit Ernst Kaltenbrunner, SS-Führer und Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, einig, der gemeinsam mit der Oberfinanzdirektion Berlin-Brandenburg im Mai 1944 die Namen der bisherigen Geschäftsinhaber des Stammhauses aus dem Handelsregister hatte streichen lassen. Werner Steinke, seit der „Entjudung“ des Unternehmens in der Geschäftsführung des Kempinski-Komplexes tätig, wurde der Betrieb übereignet.
Kurz vor Kriegsende geht der neue Besitzer in die Schweiz, 1952 verkauft Steinke den Betrieb an die Hotelbetriebs AG, eine Firmengruppe, die aktienmehrheitlich ausgerechnet von Aschinger geführt wurde. Über eine Beteiligung der damals staatlichen Lufthansa an der AG geht somit, nach Fritz Teppichs Rechtsauffassung, das Unternehmen Kempinski teilweise auch in staatlichen Besitz über, mindestens jedoch in die Hände von Menschen, die am Holocaust mitverdient hatten. Ein Paul Spethmann etwa, der Finanzdirektor der Aschinger AG gemeinsam mit Steinke einer der „Arisierer“ bei Kempinksi war – und nun auf der anderen Seite des Tisches, Steinke gegenüber, als Käufer für die Hotelbetriebs AG auftrat, die sich 1970 sogar in Kempinski Hotelbetriebs AG umbenannte. Ein altes deutsches Traditionsunternehmen, ein renommiert klingender Name, ist wieder am Markt, expandiert enorm, mit Hilfe wiederum der Lufthansa auch im Ausland und gehörte heute zu den führenden Luxushotelketten der Welt mit Häusern in 23 Staaten Europas, Asiens, Afrikas und Südamerikas. Von den jüdischen Gründern und Besitzern ist kaum mehr die Rede.
Das die Bundesregierung damals, praktisch durch die Hintertür der Kranichlinien-Beteiligung, nicht nur zum Mitinhaber der Kempinski-Betriebe wurde, sondern damit zugleich eine beispiellose „Arisierung“ nicht nur verschwiegen hat, sondern gutheißt, ist der eigentliche Skandal. Und der Grund, warum Fritz Teppich bis heute nicht zur Ruhe kommen kann. Er sammelt in seinem Arbeitszimmer jedes Dokument, jeden Brief, jedes Foto, dass die schamlose „Arisierung“ belegt. Anfang der 1980er Jahre überwarf er sich mit Heinz Galinski und gründete die „Jüdische Gruppe Berlin“ mit, der etwa 100 Mitglieder angehörten und die sich gegen die Monopolstellung des Zentralsrats aussprach. „Was ist das für eine jüdische Gemeinde, die so etwas zulässt?“, fragt sich Teppich, der als „enfant terrible“ der West-Berliner Juden Korrespondent des DDR-Nachrichtendienstes ADN wird.
Für Galinski, damals Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, war mit einer in drei Meter Höhe angebrachten Erinnerungstafel am Bristol Hotel Kempinski, seinem Dienstsitz in der Fasanenstraße genau gegenüber, der Wiedergutmachung genüge getan. Das reicht Fritz Teppich nicht, der Mutter und Bruder durch Ermordung, die Schwester durch Emigration verloren hat, der von ungezählten Juden in den Kempinski-Betrieben berichtet, die zur Zwangsarbeit herangezogen wurden, von anderen, die man aus den öffentlichen Bereichen vertrieb.
Die deutschen Gesetzgebungen zur Wiedergutmachung schließen einen Rückgabe an die Familie aus, von denen nur wenige die Naziherrschaft überlebt haben. Aber darum geht es Fritz Teppich auch nicht. „Ich will einzig und allein, dass offiziell klargestellt wird, dass hier in Deutschland massenhaft Juden wirtschaftlich Unrecht geschehen ist und den Tätern nicht einmal der Prozess gemacht wird. Die Morde müssen dazu führen, dass man diese Aneignungen, auch die der Kempinskis, endlich untersucht. Aber man lässt es wohl so lange schleifen, bis ich tot bin, dann kümmert sich kein Mensch mehr darum.“ An jeden Bundespräsidenten hat er bislang geschrieben. Wenn seine Post überhaupt beantwortet wurde, kamen kurze Schreiben irgendeines Referenten zurück, Ausflüchte zumeist, niemals Hilfe.
Der 88jährige überlegt, die deutsche Staatsbürgerschaft abzulegen, da er einen politischen und wirtschaftlichen Wiederaufstieg alter und neuer Nazis in seiner Heimat beobachtet. „Ich will ein gerechtes, ein progessives Land. Deutschland gehört für mich nicht zu den sympathischen Ländern. Schließlich hat es noch immer die Hymne, die auch die Mörder meiner Mutter gesungen haben.“
Fritz Teppich
„Der rote Pfadpfinder – der abenteuerreiche Weg eines Berliner Juden durch das
20. Jahrhundert“
Elefanten Press, Berlin 1996
311 Seiten
ISBN 3-88520-584
ISBN 3-88520-197-6
Derzeit nur antiquarisch zu beziehen

Fritz Teppich, etwa 1980, von Waldemar Grzimek
Reproduktion privat Bild aus dem
Artikel von Lutz Lorenz

Das Stammhaus Kempinskis
Bild aus dem Artikel von Lutz Lorenz